Abgefahren! Volker Bartschs Car Prints

Volker Bartsch (2017) in seinem Triumph TR3 beim Car Painting
Volker Bartsch (2017) in seinem Triumph TR3 beim Car Painting

Altes vergeht, Neues entsteht. Diese unausweichliche wie notwendige Abfolge löscht Spuren: von Menschen, Ereignissen, Orten, Epochen. Unwiederbringlich. Der Künstler Volker Bartsch sichert seit vielen Jahren einzigartige Spuren und integriert sie in seine Werke. In diesen stellt er die verschwindenden Zeitzeugen auf besondere Weise heraus und verleiht ihnen in einem Prozess künstlerischer Neuschöpfung einen aktuellen Bedeutungszusammen­hang. So auch in seinen aktuellen Car Prints. Bartsch platziert Druckplatten an historisch bedeutenden Orten, fängt deren einzigartige Spuren mit seinem Oldtimer, einem Triumph TR 3, Baujahr 1960, ein und kombiniert sie zu faszinierenden Arbeiten.

Die Spurensuche begleitet den Künstler bereits seit seiner Studienzeit vor vier Jahrzehnten. Mitte der 1970er Jahre kam ihm zu Ohren, dass 100 Jahre alte Holzgussformen für Dampflokomotiven verbrannt werden sollten. In einer Nacht- und Nebelaktion „rettete“ er diese, hütete sie ein Vierteljahrhundert lang und verbaute sie schließlich in zwei prägnanten Skulpturenzyklen. In den 1980er Jahren entdeckte der Künstler ein neues „Materiallager: farbige Industriebleche großer deutscher Unternehmen aus den vierziger bis sechziger Jahren, die in der modernen Gesellschaft ihre Funktion eingebüßt und ihren Glanz verloren hatten – für ihn wertvolle und verwertbare Zeitzeugnisse. Er ließ seinen Fundstücken die Spuren des Alterns und des Gebrauchs und fügte sie zu Skulpturen zusammen. Damit lösten sich für ihn erstmals die Grenzen zwischen Bildhauerei und Malerei auf – immaterielle Qualitäten, abstrakte Positionen und narrative Raumbilder entfalteten sich

In seinem temporären Berliner Atelier über dem Technoclub Kater Holzig (2012/13) wurde Bartsch intensiv mit dem Thema eines unwiederbringlichen Lebensgefühls konfrontiert. Betreiber und Gäste wussten, dass sie nur für wenige Monate in der alten Seifenfabrik am Spreeufer bleiben konnten, bevor das Gebäude zu einer Ansammlung steriler Eigentumswohnungen umgebaut werden würde. Umso intensiver, ekstatischer und präsenter zelebrierten sie ihre Partys. Volker Bartsch war immer mittendrin und setzte die markantesten Details von Ort, Zeit und Stimmung in Gemälden und Grafiken um.

Sein aktuelles Atelier im S-Bahn-Bogen 42 am Friedrichshainer Spreeufer liegt am Holzmarkt, einem historisch besonderen Ort. Zu DDR-Zeiten war dort Grenzgebiet und die einzige Werkstatt für Westautos der Marken Renault und Fiat. Jetzt entsteht an selber Stelle ein Kultur- und Gewerbedorf – mit Club, Hotel, Restaurant und Gründerzentrum. Bevor die S-Bahn-Bögen in Kürze eingebaut werden, sichert Bartsch auch hier Abdrücke: mit seinem Oldtimer.

Er fährt in genau berechneten Bahnen über den geschichtsträchtigen Boden und danach über bemalte Leinwände oder Druckplatten, wie er es zuvor bereits an historischen Plätzen, wie dem Brandenburger Tor (siehe gegenüberliegende Seite), der Glienicker Brücke oder dem Checkpoint Charlie getan hatte. Die auf diese Weise entstehenden Arbeiten sind sowohl als Monoprints, Zeichnungen, Performance und prozessuale Werke interpretierbar – das Auto fungiert hierbei als Malinstrument und Presse. Die Spuren dieser besonderen Orte sind Bartschs Gemäldekompositionen und Grafiken für immer eingeschrieben.

Annett Klingner: Abgefahren! Volker Bartschs Car Prints, in: Galerie Ruhnke (Hrsg.): Alles geritzt. Volker Bartsch. Druckgrafik aus vier Jahrzehnten, Potsdam 2017

Brandenburger Tor (2017), Platte: 40 x 50 cm, Car Print, Auflage: 3
Brandenburger Tor (2017), Platte: 40 x 50 cm, Car Print, Auflage: 3
„Ab durch die Mitte“ (2017), Platte: 40 x 50 cm, Car Print, Auflage 2
„Ab durch die Mitte“ (2017), Platte: 40 x 50 cm, Car Print, Auflage 2
(2017), Platte: 40 x 50 cm, Car Print, Auflage 2
(2017), Platte: 40 x 50 cm, Car Print, Auflage 2