Hochmut (Superbia)

Hochmut (Superbia), 2007, Bronze/Holz, Unikat

Den Kanon der sieben Todsünden führt traditionsgemäß die Superbia (Hochmut) an. Sie ist die Ursünde. Schon Eva verging sich am Wort Gottes, weil sie Adam eine Frucht vom Baum der Erkenntnis zu essen gab. Im Alten Testament wird die Superbia mehrfach thematisiert (z.B. beim Turmbau zu Babel und der Sintflut) und in der Apokalypse des neuen Testaments final abgestraft.  
Volker Bartsch sieht den Hochmut als ständigen Begleiter aller Kulturen, Gesellschaften und Epochen. Seine künstlerische Umsetzung bezieht sich jedoch auf den Hochmut einer übersättigten, selbstzufriedenen Gesellschaft. Die Skulptur „Superbia“ steht dafür.
 
Die Frauenbüste, die ein Komposit aus Bronze und einer 150 Jahre alten Lokomotiv-Gussform ist, wirkt auf den ersten Blick keineswegs wie die Allegorie einer Sünde: die Frisur ist zu einem „ordentlichen Dutt“ am Hinterkopf aufgesteckt, der Kopf leicht geneigt, die Nase schmal und wohlgeformt und der Mund lächelt breit. Den Hals ziert eine opulente Kette, die auf materielle Potenz verweist.  
Ein zweiter Blick gibt jedoch den Blick hinter die Fassade frei: das Lächeln ist maskenhaft, die Lippen zu ebenmäßig, die Nase künstlich modelliert und die Kette viel zu protzig.  
Am Oberkopf sind drei dünne Bronzestäbe aufgebracht, die die Antennen symbolisieren, mit denen man die Umgebung wahrnimmt, erkundet und auslotet. Die Antennen der Gespritzen sind direkt vor ihrer eigenen Stirn abgebrochen und abgestumpft.
Sie kümmert sich nur um sich, ihre Gedanken reichen nicht einmal bis zur Nasenspitze. Auch die verschlungenen Linien vor ihrem Gesichtsfeld führen immer wieder zurück auf die eigene Nasenspitze Und der Dutt am Hinterkopf ähnelt einer Induktionsspule, deren Anfang fest mit dem Ende verknüpft ist. Das Einzige, was die Figur der Superbia interessiert, ist sie selbst. Bei allem, was sie tut, bleibt sie oberflächlich und selbstbezogen.

Adam und Eva. Hochmut (Superbia)

  • Adam, 2008, 47,5 x 37 x 38 cm, Bronze/Holz, Unikat
  • Eva, 2008, 53,5 x 37 x 30 cm, Bronze/Holz

Das erste Menschenpaar wird von Volker Bartsch als hochgerüstete Maschinen-figuren präsentiert. Sie sind aus korrespondie-renden Holz-Guss-Formteilen und Bronze gefertigt. In Brusthöhe prangt jeweils ein Zahnrad. Man würde vermuten, beide Räder seien exakt aufeinander abgestimmt und würden bei einer Zusammen-führung schlüssig ineinander greifen. Doch dieser Eindruck täuscht. Mann und Frau waren schon im Paradies total verschieden und sind es bis heute geblieben.

Eva, Prototyp der weiblichen Verführerin, trägt als Zeichen ihrer Schuld nach dem Sündenfall Ketten.

Adams heruntergelassenes Visier verweist auf seine Männlichkeit, aber auch  auf seine Ignoranz und Feigheit. Er schottet sich vor den Schwierigkeiten der Umwelt ab und überlässt seiner Frau die Rolle der Sünderin.

 

Zorn (Ira)

Zorn (2008), 46 x 25 x 43 cm, Bronze/Holz
Zorn (2008), 46 x 25 x 43 cm, Bronze/Holz
Ira (2007), Farbradierung
Ira (2007), Farbradierung

Der Zorn gehört zum Kanon der sieben Todsünden, denn er entfernt den Menschen von sich selbst und lässt ihn die unüberlegtesten Dinge tun. In seiner ohnmächtigen Wut verzehrt sich der Zornige quasi selbst, seine Züge sind entstellt, der Kopf ist zurückgeworfen. In den schmalen verkniffenen Lippen und den zusammengepressten Augenlidern wird der Schmerz der ohnmächtigen Raserei zum Ausdruck gebracht, die starke Stirn zeigt eine Reihe von Narben früherer Hiebe. Statt einer sinnlichen Nase teilt ein messerscharfes, waffenartiges Element den Kopf in der Vertikalen. Die Mimik der Wangen und der Jochbeine wird durch das Symbol des Widders visualisiert, während der Mund an das Gitter eines Feuerkessels erinnert, hinter dem Flammen lodern. Die Hirnpartie (blau) ist vor Wut eingeschnürt – wie von einer Zange - und macht ein Denken unmöglich.

Trägheit (Acedia)

Maskierte Trägheit (Acedia), 2008, 56 x 47,5 x 30 cm, Bronze/Holz, Unikat

Die „Maskierte Trägheit“  (Holz/Bronze, 2008) von Volker Bartsch greift nicht die Tristitia oder Melancolia auf. Sie reflektiert vielmehr die geistige und körperliche Bequemlichkeit.

Wie bei der Umsetzung der anderen Todsünden auch, nutzt Volker Bartsch hierbei die tradierte Ikonographie - aber nur, um sie dann bewusst zu brechen. So nimmt die „Die Maskierte Trägheit“ mit dem Corpus die traditionelle Farbe schwarz auf und verweist durch seine Fülle und Unbeweglichkeit sowie den leicht gesenkten Blick auf ihre Haupteigenschaft: die Trägheit. Das vierschrötige Gesicht, der Specknacken, der massige Körper, das modische Brillengestell (ein Komposit geometrischer Grundformen), der durch gelbe Farbspuren angedeutete Dreitagebart und der Hut, der seinen Träger als Mitglied einer gehobenen Gesellschaftsschicht ausweist, lassen erkennen, dass es sich um einen selbstzufriedenen, satten, vermutlich erfolgreichen Menschen handelt. Die rote Maskierung täuscht Energie, Elan, Mut, Optimismus und Tatkraft vor.  Doch die Brille ist nahezu blind. Ihr Träger sieht lediglich Raster (die in die Brillengläser eingraviert sind) und Normen – für neue Impulse oder Dinge, die außerhalb seines engen Radius‘ liegen, bleibt er blind. Durch seine Ohrklappen ist der maskierte Träge nicht in der Lage, Neues auditiv aufzunehmen. Und sein steifer, kurzer, fetter Hals hindert ihn daran, den Kopf auch nur einen Zentimeter nach rechts oder links zu bewegen – er verharrt in völliger Erstarrung.  Die vertikal aufgebrachten Seriennummern dokumentieren das vergebliche Bemühen um Individualität. Im Stirnbereich (an der vorderen Hutkrempe) ist durch ein Gitter das „Stroh“ zu sehen, das aus dem Kopf quillt).

Habgier / Geiz (Avaritia)

Geiz (Avaritia), 2008, 64 x 28 x 22 cm
Geiz/Habgier (Avaritia), 2008, 64 x 28 x 22 cm

Der Geizige möchte aus allem und jedem Geld machen. Sein charakteristisches Attribut, den prallen Geldbeutel, transferiert Volker Bartsch in eine Geldkiste, die mit Streben verstärkt und gesichert wird. In seiner Skulptur „Avaritia“ verdichtet er das Wesen der gleichnamigen Todsünde. Er zeigt die Gier, die mit kraftvollen Lippen alles einsaugt, was sie kriegen kann. Zum anderen eine Art Spritze, die nachdrückt, stopft und in die Kiste pumpt, während die Kiste und deren Zugänge mehrfach gesichert sind, damit kein besitz entweichen kann. Im Inneren der Kiste selbst finden sich zahlreiche Goldstücke, die stellvertretend für den materiellen Besitz stehen – und dazwischen, eingezwängt, ein Herz. Dies rekurriert auf die seit dem Spätmittelalter gebräuchliche Theorie, dass das Herz des Gierigen und Geizigen nicht im Körper schlägt, sondern in seinem Geldbeutel.

Wollust (Luxuria)

Wollust: Vagina dentata (2008), 93 x 35 x 36 cm, Bronze/Holz
Wollust: Vagina dentata (2008), 93 x 35 x 36 cm, Bronze/Holz

Die Vagina Dentata kommt bereits in den ältesten Geschichten der Mythologie vor. So heißt es etwa bei Hesiod mit großer Deutlichkeit, dass die scharfe metallene Sichel im Schoß der Gaia, der Erde, gebildet wurde. Dies bedeutet, dass Gaia die Kastrationsmacht nur auf den ersten Blick ihrem Sohn Chronos übertrug, der dann seinem Vater Uranos das Zeugungsglied abschnitt. Eigentlich hätte sie dies auch selbst erledigen können. Und so steckt hinter dieser Geschichte unweigerlich die Angst vor der Rache einer lange Unterdrückten.

Die Furcht vor der Vagina Dentata zieht sich durch viele hundert Jahre -  wenn auch eher verdeckt. Sie diente in erster Linie dazu, die Furcht vor und außer- und vorehelichem Verkehr zu schüren und Vergewaltigungen vorzubeugen. Verschiedene Psychoanalytiker (z.B. Otto Rank (1884–1939)  und Sandor Ferenczi (1873–1933) beschrieben das Phänomen. Aber erst durch Sigmund Freud wurde der Begriff wirklich bekannt. Seiner Meinung nach passte der Mythos gut mit den eigenen Theorien zur Kastrationsangst zusammen.

Volker Bartsch sieht das weibliche Geschlechtsorgan als das mächtigste menschliche Organ überhaupt Zu allen Zeiten war der Trieb stärker als die Vernunft. Mit Lust, Verlangen und dem gezielten Einsatz von Verführung wurden seit Menschengedenken Kriege gewonnen, Schlachten geschlagen, Entscheidungen herbeigeführt und Ziele durchgesetzt. Immer war das weibliche Geschlechtsorgan das Ziel allergrößter Begierde und zügelloser Sehnsucht. Natürlich bleibt das weibliche Geschlechtsorgan auch zu Beginn des 3. Jahrtausends das Zentrum der Begierde, aber hinter der Verlockung steht häufig auch Angst: vor dem Verlust von Macht, weil Frauen angestammte männliche Herrschaftsbereiche besetzten – von weiblichen Topmanagerinnen bis hin zu einer Bundeskanzlerin und US-Präsidentschaftsanwärterin. weiterhin: die generelle Angst, Frauen könnten zu mächtig werden – nicht nur im Schlafzimmer, sondern auch in der Gesellschaft. Aber auch die Angst, auf Lust könnte Strafe folgen, wie die Nemesis auf die Hybris: z.B. in Form von Krankheit, wie Volker Bartsch bereits in seinen Gemälden „Der Teufel jagt die Vernunft“ und „Fusione totale“ (beide 1987) die sich mit der damals hochaktuellen Aids-Angst befassen, untersucht, aber auch in Form von Schande, Macht- und Ehrverlust, wie Beispiele enttarnter Affären von Prominenten belegen oder auch wirtschaftlicher Ruin, für den Medien-Berichte über verarmte Scheidungsopfer stehen.

Volker Bartsch stellt seine Skulptur auf einen altarähnlichen Sockel. Er exponiert den „Höllenschlund“ (wie die Vagina dentata im Mittelalter bezeichnet wurde); die kräftigen Reißzähne stechen auch durch eine besondere Farbgebung hervor, die an Waffenklingen erinnert. Hinter diesen findet sich eine Höhle mit einer Paradiesfrucht, seit jeher Symbol der Verführung und Sünde.

 

Völlerei (Gula)

Gula (Völlerei), 2008, 47 x 36 x 56 cm, Bronze/Holz
Gula (Völlerei), 2008, 47 x 36 x 56 cm, Bronze/Holz

Die Völlerei (Gula) ist als eine Maschine dargestellt, die alle Hebel in Bewegung setzt, um sich so viel einzufüllen, wie  sie nur kann. Durch eine Art Trichter füllt sie hemmungslos alles ein, Greifarme sorgen für schnellen Nachschub. Doch die zugeführte Menge ist so groß, dass die Maschine sie nicht verarbeiten kann, dass sie blockiert und zu explodieren droht – ein Verweis auf die Hybris des Wohlstandes. Was die Maschine vor dem Zerbersten absondert, sind lediglich dünne Platten – Platitüden (als Verweis auf den oberflächlichen Konsum der Bildungsbürger, die von einem Konzert zum anderen, einer Vernissage zur nächsten und einem Superereignis zum folgenden hasten, ohne in der Lage zu sein, auszuwählen, vor allem aber, ohne zu begreifen).

Neid/Missgunst (Invidia)

Neid/Missgunst (Invidia), 2008, 102 x 37 x 33 cm, Bronze/Holz, Unikat
Neid/Missgunst (Invidia), 2008, 102 x 37 x 33 cm, Bronze/Holz, Unikat

„Und nagt und beißt der Neid recht sehr, frisst er nur sich und sonst nichts mehr“

Das Narrenschiff, Kap. 53

 

Die Invidia spielt im Kanon der 7 Todsünden eine zwiespältige Rolle. Ihre besondere Gefährlichkeit ergab sich für die Christen aus ihrer engen Verbindung mit dem Teufel, durch dessen Eifersucht Adam und Eva zu Fall kamen.

Das Thema „Neid“ ist auch heute noch unverändert aktuell:  Kaum ein Tag vergeht, ohne dass er in den Medien nicht thematisiert würde. Man verhandelt den „Geldneid“, den „Sozialneid“, „Geschlechterneid“, „Neidkampagnen“, „Neidklima“ oder sogar die „Neidgesellschaft“. Der Soziologe Sighard Neckel diagnostiziert gar den Nationalcharakter der Deutschen als neidisch und missgünstig. Untersuchungen, die den Neid nicht aus einer verengten Perspektive in den Blick nehmen, belegen jedoch - ebenso wie literarische Darstellungen aus verschiedensten Epochen und Gesellschaften – den universellen Charakter des Neides. Mindestens ein Indiz hierfür ist die Tatsache, dass der Neid immer wieder die herausragendsten Vertreter der jeweiligen Epoche zu Betrachtungen herausgefordert hat. Der Neid war also schon immer eine gleichermaßen allgegenwärtige und verpönte Eigenschaft. Niemand könnte von sich behaupten, er habe noch nie seinen Stachel gespürt. Trotzdem gibt kaum jemand bereitwillig zu, irgendwann einmal Neid zu empfunden zu haben – und sei es nur ein kleines bisschen.

Diese Diskrepanz greift Volker Bartsch in seiner Skulptur auf. Das auffallendste  ikonografische Merkmal seiner „Invidia“ ist ihre Blindheit. Dies verweist auf die negative Weltsicht und das hinterlistige Agieren des Neides im Dunklen. Die magere Statur verdeutlicht den Aspekt der Selbstzerfleischung.