GEMEINSAM EINSAM

  • Adam (2008), 47,5 x 37 x 38 cm, Bronze/Holz
  • Eva (2008), 53,5 x 37 x 30 cm, Bronze/Holz

Text: Dr. Rainer Beßling, in: Gemeinsam einsam, Oldenburg 2016, S. 2-5

Sie repräsentieren das älteste Bild der Zweisamkeit: Adam und Eva. Gleichzeitig entzündet sich an ihrem Zusammentreffen eine schmerzliche Heimatlosigkeit und Verlusterfahrung. Volker Bartsch kreiert die Köpfe des Urpaars der Menschheit mit Gussformen einer Lokomotive aus der Frühzeit der Industrialisierung. Räderwerke sind sichtbar, die ein Ineinandergreifen suggerieren. Doch die Formen, so perfekt sie auch gearbeitet sind, fügen sich nicht. Mann und Frau gehören, passen aber nicht zusammen. Konfliktstoff und Reibungsverluste sind im Schöpfungsakt angelegt und bildhauerisch hier ausgedeutet.

  • Auf der Suche nach dem magischen Dreieck (1983), 39,5 x 37cm, Gouache
  • Auch im Rampenlicht leuchtet man nicht unbedingt heller (1983), 30 x 36cm, Gouache

 

Befreiung ist ein Kraftakt, das Verlassen der Gruppe mündet häufig in Kämpfen.

Neid und Mobbing können die Folgen sein, Zusammengehörigkeit zerplatzt, Isolation und Einsamkeit stellen sich ein. Solidarität unter Frauen endet nicht selten dort, wo die Anziehungskräfte in den Wettstreit treten.

Beachtung, so stellt es Bartsch in einigen Gouachen dar, erkaufen Frauen häufig auch allein durch eine Exponierung ihrer sexuellen Reize.

„Auf der Suche nach dem magischen Dreieck“ ist der Titel eines Blattes, das eine Frau inmitten eines Kreises männlicher Voyeure zeigt. „Auch im Rampenlicht leuchtet man nicht unbedingt heller“ stellt ein weibliches Trio in tänzerischen Posen dar, die ihre verführerischen Attribute präsentieren.

  • Mona Lisa's Urenkel (2010), 60 x 50 cm, Tempera auf Leinwand
  • Altes Pflänzchen (2009), 41 x 48 cm, Tempera auf Leinwand
  • Triumph der Zeit (2009), 70 x 50 cm, Tempera auf Leinwand
  • Vision (2009), 80 x 100 cm, Tempera auf Leinwand
  • Duales Gesicht (2011), 23,5 x 13,5 x 13,5 cm, Bronze
  • Helena (2010), 26 x 14 x 22,5 cm, Bronze

Der Schönheitswahn mit dem Versuch, Persönlichkeit und Charakter hinter einer künstlich gestalteten Schale zu verbergen, macht auch vor dem Mann nicht halt. Aus dem Bild „Mona Lisa‘s Urenkel“ blickt ein faltenfreier Silvio Berlusconi als vermeintlicher Repräsentant ewiger Jugend. Demaskiert sich der Skandal-Politiker hier schon durch sein glatt gebügeltes Lächeln selbst, enthüllt Bartsch in anderen Arbeiten, wie die Attraktivitäts-fabrikation tragisch-komisch scheitert. Er zeigt verrutschte Wangenimplantate, hängende Augenlider und Schlauchbootlippen als Missbildungen aus verunglückten Liftings. Ein „Altes Pflänzchen“ trifft die Verwelkung dann umso dramatischer. „Der Triumph der Zeit“, so eine andere Leinwandarbeit mit einem verunstalteten Opfer der Schönheits-chirurgie, ist letztlich auch durch noch so aufwändige Eingriffe nicht aufzuhalten. Die Bilder „Entzaubert“ und „Zeitfenster des Vergänglichen“ dokumentieren gleichfalls die Macht des Alters.

Diese vermittelt sich auch der nackten Schönheit in einer Paraphrase von Velazquez‘ „Venus vor dem Spiegel“. Hier hat Bartsch das Spiegelbild durch eine Greisen-Darstellung ersetzt. Die Vergänglichkeit gehört eben zur Existenz des Menschen. Nur Selbstbetrug oder ein gespaltenes, maskiertes Wesen wie im „Dualen Gesicht“ vermögen die Tatsachen des Daseins zu verschleiern. Der Fluch des Schönheits-diktats lädt den Menschen zu Täuschung und Verrat an anderen und sich selbst ein. Mit der Abbildung der „Helena“ stellt Bartsch die Frage, wie die zerstörerische Schöne der Antike sich wohl heute sehen würde.

 

 

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Mit Ateliers in zentralen Vierteln von Paris, Rom, London und Berlin hatte Volker Bartsch in den vergangenen Jahrzehnten Gelegenheit, die urbanen Veränderungen in den Metropolen hautnah mitzuerleben. Trugen solche Prozesse früher noch Namen wie Modernisierung oder Sanierung, hat sich seit geraumer Zeit für eine bestimmte Variante der Begriff Gentrifizierung durchgesetzt. Damit ist die Vertreibung von Anwohnern mit geringen finanziellen Mitteln und schwachem gesellschaftlichem Einfluss durch kaufkräftige und mächtige Schichten gemeint.

Atelier von Volker Bartsch im Kater Holzig (Berlin)

Aus seinem Atelier in einer ehemaligen Seifenfabrik am Spreeufer in Berlin-Friedrichshain, die auch von dem Techno-Club „Kater Holzig“, dem Nachfolger der „Bar 25“, genutzt wurde, konnte Bartsch die typischen Gentrifizierungsprozesse beobachten: Künstler und Studenten entdecken einen eher randständigen und günstigen Bezirk und entwickeln ihn zum authentischen Szeneviertel.

  • Steffi Lotta (2012), 160 x 120 cm, Tempera auf Leinwand
  • Magnus (2012), 160 x 120 cm, Tempera auf Leinwand

Als Repräsentanten dieser Off-Kultur hat Bartsch die Türsteherin „Steffi Lotta“ und den reich tätowierten und gepiercten „Magnus“ porträtiert, Menschen, die eine besondere feinsinnige Persönlichkeit offenbaren, wenn man über den Schatten der eigenen Vorurteile springt und den Austausch mit ihnen sucht.

Nicht nur internationale Touristen, auch kaufkräftige Schichten werden von der Szene angezogen, die das pulsierende Aufeinandertreffen von Bourgeoisie und Bohème schätzen. Auch Investoren werden aufmerksam, Häuser werden abgerissen oder aufwändig instand gesetzt, neuer teurer Wohn- und Geschäftsraum entsteht. Die Entdecker können sich das Terrain nicht mehr leisten, die Karawane zieht weiter.

 

Gemeinsam einsam (1985), 25 x 31,5 x 10 cm, Bronze
Gemeinsam einsam (1985), 25 x 31,5 x 10 cm, Bronze

„Gemeinsam einsam“ überschreibt der Berliner Bildhauer, Maler und Grafiker seine Ausstellung im Palais Rastede, die in mehreren Kapiteln Kampfzonen des gesellschaftlichen Lebens, aber auch Oasen von Rückzügen und individuellen Gegenentwürfen ausleuchtet. „Gemeinsam einsam“ ist auch der Titel einer Bronze-Skulptur, auf deren Oberfläche sich aus einem linearen Geflecht Figuren abzeichnen, die um Aufmerksamkeit buhlen. Sie versuchen, besondere Attraktivität in Stellung zu bringen, um sich von der fest gefügten Gruppe abzuheben.

Blockfrei (1983), 32 x 56 x 65 cm, Bronze/Beton
Blockfrei (1983), 32 x 56 x 65 cm, Bronze/Beton

Ein ähnliches Anliegen thematisiert die Arbeit „Blockfrei“. Dort steht eine auf Beine und Torso reduzierte Figurine einer zur dichten Wand gefügten Gruppe von Frauen in historischen Miedern gegenüber. Die zur Soloperformance angetretene Frau bringt ihre langen Beine effektvoll zur Geltung und versteht es, aus dem Ensemble der uniformen Geschlechtsgenossinnen herauszutreten. Ihr Auftritt symbolisiert den erfolgreichen Akt, sich von Konventionen, Rastern, Beschränkungen und Prägungen zu befreien. Doch er zeigt auch die Vereinzelung, die mit dem Gewinn von Individualität und Beachtung verbunden ist.

Ersatzteillager 1 (2009), 25,5 x 24,5 x 4 cm, Bronze
Ersatzteillager 1 (2009), 25,5 x 24,5 x 4 cm, Bronze
Ersatzteillager 2 (2009), 25,5 x 23,5 x 2,8 cm, Bronze
Ersatzteillager 2 (2009), 25,5 x 23,5 x 2,8 cm, Bronze
Unkaputtbar (2009), Plattenmaß 49 x 39,5 cm, Bogen 70 x 53,5 cm
Unkaputtbar (2009), Plattenmaß 49 x 39,5 cm, Bogen 70 x 53,5 cm

Aussehen und Auftreten sind auch im Zeitalter der Vernunft die Eintrittskarten für Erfolg und Macht. Ein attraktives Äußeres gilt offenbar mehr denn je als Ausdruck innerer Werte, positiver Haltungen und Disziplin. Auch wenn Schönheit zu großen Teilen eine unverdiente Beigabe der Natur ist, überträgt die Leistungsgesellschaft jedem einzelnen den Auftrag zur Attraktivität. Als Lohn für das gute Aussehen winken der bessere Job oder der größere Bekanntenkreis. Der Preis ist allerdings hoch: Wer im Ringen um Beachtung die Nase vorn haben will, muss in ewige Schönheit und Jugend immer mehr investieren. Schließlich kann auch Schönheitsehrgeiz einsam machen.

 

Volker Bartsch beschäftigt sich seit den 1980er Jahren, als er die langbeinigen Disco-Queens und Helmut-Newton-Ideale malte, mit den Ausprägungen und dem Fluch der Schönheit. Schon bevor in Deutschland die plastische Chirurgie ihren Siegeszug antrat, konnte der Künstler in Italien beobachten, wie Mädchen zum Abitur eine neue Nase oder neue Lippen geschenkt bekamen. In zwei Bronzereliefs breitet er „Ersatzteillager“ für die „attraktive“ Frau aus, die sich angeblich „Unkaputtbar“ präsentiert, so der Titel einer Farbradierung. Mit seinem „Ersatzteillager“ erinnert Bartsch auf makabre Weise auch an die brutale Ermordung des einstigen Playboy-Models Jasmine Fiore, deren Überreste lediglich anhand der Seriennummer der Silikon-Brüste identifiziert werden konnten.

 

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Die 1980er Jahre waren nicht nur die Dekade der Disco-Kultur und einer neuen Freizügigkeit in der Zurschaustellung verführerischer Reize. Sie markierten auch das Jahrzehnt, in dem Aids die Menschheit traf. Erst allmählich verbreitete sich das Wissen um die HIV-Infektion. Anfangs galt sie als Phänomen vermeintlicher Randgruppen, nicht wenige sahen in ihr eine gerechte Strafe für ausufernde sexuelle Exzesse und Drogenmissbrauch. Bis heute und trotz Aufklärungsarbeit sind Aids-Kranke stigmatisiert und gesellschaftlich ausgegrenzt. Auch wenn die Symptome der Erkrankung mittels teurer Medikamente aufzuhalten oder zu mindern sind, bleibt der Umgang mit Infizierten ein soziales Problem.

 

Der Teufel jagt die Vernunft (1987), 162 x 192 cm

Volker Bartsch verfolgt das Thema seit mehr als 30 Jahren in Berlin aus mehreren Perspektiven. Aufgewachsen in der Sturm-und-Drang-Phase der sogenannten sexuellen Befreiung wurde er mit den ersten Erkrankungen in seinem Bekanntenkreis konfrontiert. Panik machte sich gerade in den Metropolen-Szenen breit, auf Attraktivität und Begehren fiel ein tödlicher Schatten. Die Mahnung zur Vorsicht wurde aber nicht selten überhört. Bartsch deutet in seinem Bild „Der Teufel jagt die Vernunft“ den Widerspruch zwischen Einsicht und Trieb an.

 

In neueren Bildern greift er die soziale Situation der Betroffenen auf, in einem gesellschaftlichen Umfeld, das sich tolerant gibt und doch von den Ängsten und Abgründen der Infizierten nur wenig weiß. Die Leinwandarbeit „Haltung“ zeigt einen Menschen, der seine Würde zu bewahren sucht, dem aber bereits die Krankheit mit all ihren möglichen Folgen über die Schulter blickt. Dieses bleiche Gesicht scheint schon Spuren der Symptome zu tragen, die den Mann in nicht allzu ferner Zukunft zu einem Aussätzigen stempeln könnten.

 

Aids-Kranke sind nicht nur aufgrund ihres spezifischen Schicksals und der damit verknüpften Stigmatisierung vom gesellschaftlichen Abseits bedroht. Als Träger des Virus halten sie uns auch den Spiegel der eigenen Vergänglichkeit vor, dem wir alle zu entfliehen versuchen. Dass Bartsch 2011 ein Bild wie „Schweigemauer“ malt, in dem ein Mann wie durch eine Wand von einer Menschenmenge abgetrennt erscheint, dokumentiert die Aktualität des Problems.

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  • Etagengold (2014), 37 x 17 x 16 cm, Terrakotta, Messing, Acryl, Unikat
  • Moloch (2013), 29,7 x 39,7 cm, Farbradierung
  • Himmelsstürmer I (2013), Platte: 48,3 x 62,8 cm, Farbradierung

In Skulpturen wie „Etagengold“ oder „Gentrification Tower“ stellt Bartsch den urbanen Prozess dar, der prägende Bauten verschwinden lässt und zwischen Investoren-Kalkül und architektonischem Ehrgeiz pendelt.

 

Eine Radierung wie „Moloch“ oder der Linolschnitt „Himmelsstürmer“ zeigen die ausgreifende urbane Besiedlung mit uniformen Gebäuden in Skelettbauweise, die wie Organismen zu wuchern und den Raum auszufüllen scheinen.

 

Mit dem Verzicht auf rechte Winkel stemmt sich Bartsch gegen Rasterung und Verankerung in normierten Strukturen und Zwängen.

 

In den Blättern „Kontrastprogramm in Orange“ oder „Letzte Oase“ stehen der Reißbrettarchitektur Bezirke in Individualbauweise gegenüber, denen aber ein ähnliches Schicksal wie den Erwachsenen-Spielplätzen der Szene-Kulturen drohen könnte. Dem kapitalistischen Kalkül scheinen auch die noch so Kreativen und Alternativen nicht entgehen zu können.

 

 

So wenig wie Bartsch die Gentrifizierung nur geißelt, schließlich sind Städte ohne Veränderungen schwer denkbar, so wenig sieht er auch in der Einsamkeit nur Negatives. Rückzug erlaubt Kontemplation und damit die Sammlung schöpferischer Kräfte. Als kreatives Alleinsein betrachtet er schließlich auch die eigene Arbeit im ländlichen Refugium vor den Toren Berlins. Die Distanz zum Impuls gebenden großstädtischen Treiben, die Weite des Himmels sieht er als Elixier für ein Schaffen, das nicht zuletzt aus Kontrasten und Kontrapunkten besteht, das ebenso archaisch wie zeitgenössisch ist und das aus stofflicher Dialektik und einer reibungsvollen Korrespondenz von Form und Inhalt sowie Volumen und Oberfläche seine Energie bezieht.