R.I.P - Ruhe in Pixeln

Über 16 Milliarden Euro werden jährlich im Geschäft mit dem Tod umgesetzt, schätzt der Verband der Friedhofsverwalter Deutschlands. Immer mehr davon verlagert sich ins Netz.

Friedhöfe waren über viele Jahrhunderte die zentralen Gedenkorte in Städten und Gemeinden. Doch die mobile Gesellschaft, ihre Abkehr von den christlichen Kirchen und vor allem die digitale Welt haben die Art der Trauerbewältigung massiv verändert. Die Orte der Bestattung und der Trauer fallen zunehmend auseinander. Viele möchten ihren Angehörigen nicht den Erwerb einer Grabstätte zumuten. Und entscheiden sich daher für Wald- oder anonyme Bestattungen – Alternativen, die keine Pflege benötigen, welche aus der Ferne ohnehin nur schwer zu leisten ist. Und: Für eine Generation, die sich über Facebook zum Geburtstag gratuliert und die Geburt ihres Kindes verkündet, verlagert sich auch die Trauer ins Netz.

Eigentlich ist das Ziel von Trauer, überwunden zu werden. Im Internet zeigt sich aber ein anderer Trend: Dort wird die Trauer häufig ausgedehnt, oft sogar vergötzt – vor allem nach dem Tod Prominenter. Sei es über Trauerforen im Internet, Online-Trauercafés, schwülstige Facebook-Postings oder holprige Raps auf Youtube, mit denen nicht selten die eigene Empathie dokumentiert wird.

In sozialen Netzwerken setzt jeder Trauernde jeden anderen, der auch trauert, darüber in Kenntnis, wie traurig er tatsächlich ist. Und teilt fremde Trauer, in dem er auf Facebook signalisiert, dass ihm "das gefällt".

Die Folge: Alte Trauerrituale verschwinden, Deutschlands Friedhöfe haben inzwischen mit einer zu geringen Auslastung zu kämpfen. Und mit erheblichen Finanzproblemen, denn die Pflege der Anlagen muss trotzdem aufrechterhalten werden. Selbst bekannte historische Friedhöfe werden verkleinert, in Parkanlagen oder zu Bauland umgewidmet. Zugleich entsteht ein neuer gigantischer Markt – im Internet.

Der Friedhof ist nur einen Klick entfernt

Virtuelle Friedhöfe entstehen, auf denen die Kerzen für immer brennen und die Blumen niemals welken. Einige haben bereits Besucherzahlen in Millionenhöhe – Tendenz steigend. Traueranzeigen gibt es längst als Apps fürs Smartphone und die Zahl der Facebook-Nutzer, die über den eigenen Tod hinaus mit einem Profil auf der Internetplattform verewigt sind, geht schon jetzt in die Millionen.

Auf Online-Friedhöfen spielen Wind und Wetter oder starre Friedhofsregularien keine Rolle, selbst der Sternenhimmel ist nur einen Klick entfernt.

Während die Trauernden früher zum Friedhof oder in die Kirche gingen, um dort Kerzen anzuzünden, erledigen das heute immer mehr per Mouseklick – vom Sofa aus, am Arbeitsplatz oder im Urlaub. Die Vorteile scheinen auf der Hand zu liegen: Freunde und Angehörige brauchen keine kostspieligen Annoncen schalten und können sich zeitaufwendige Anfahrten zur realen Ruhestätte ersparen. Hinzu kommt, dass die erinnerungswürdigen Eigenschaften des Verstorbenen einer viel größeren Personengruppe zugänglich gemacht werden können.

Unsterblichkeit auf Zeit – der QR Code

Manchen erscheint das Gedenken allein über die traditionelle Grabstätte nicht mehr zeitgemäß. So wird heute immer üblicher, was noch vor ein paar Jahren undenkbar schien: ein QR Code auf dem Grabstein. Diese schwarz-weißen Muster kennt man von Plakatwänden oder Flugtickets, sie sind die Weiterentwicklung des Strichcodes. Von dort kann man auf eine beliebige Internetseite verlinken, sei es auf ein Trauerportal, eine persönliche Gedenkseite oder zu Youtube, wo z.B. AC/DC‘ „Highway to hell“ schmettert. Mit dem Smartphone lässt sich der QR Code (steht für Quick Response) am Ort der letzten Ruhe scannen und dem Erleben ein Stück virtuelle Unendlichkeit hinzufügen. Allerdings: Nicht jeder Link bleibt tatsächlich bis in alle Ewigkeit aktiv. Und die geplante Unsterblichkeit erweist sich unter Umständen als höchst begrenzt.